Heute startet meine once-a-month Serie 7 Fragen. Einmal im Monat veröffentliche ich hier ein Interview mit einer Person, die über besondere Reiserlebnisse erzählen kann. Ich denke, es gibt soviele spannende Geschichten, die einfach unbedingt erzählt werden müssen! 🙂
Den Anfang macht meine liebe Freundin Becci Plessl. Als ausgebildete und erfahrene Gastronomin hat sie die Chance ihres Berufs genützt, um viel zu reisen und in richtig coolen Ländern zu arbeiten. Bevor sie in Wien gelandet ist, hat sie auf dem Kreuzfahrtschiff MS Deutschland zur Crew gehört, und darüber möchte ich sie heute etwas ausquetschen!
7 Fragen an Becci Plessl
Becci, es gibt ja wenige Menschen, die ich so eindeutig als “Weltbürgerin” bezeichnet würde wie dich. Worauf gründet sich eigentlich deine große Reiselust?
Angefangen hat das 2009/2010 nach der Trennung von meinem damaligen Freund, wie das oft so ist. Ich wollte etwas ganz Anderes sehen und erleben, also bin ich mit einem Work-and-Travel-Visum nach Australien gegangen.
Wo haben dich deine Wege überall hingeführt, bevor du 2014 auf der MS Deutschland als Chef de Rang angeheuert hast?
In Australien bin ich erst mal für einige Monate an der Ostküste unterwegs gewesen. Mit zwei Engländerinnen, die ich dort kennengelernt habe, ging es weiter zum “ Urlaub machen“ nach Asien. Aus dem ursprünglich geplanten knappen Monat ist ein halbes Jahr geworden. In dieser Zeit habe ich erlebt und gelernt, dass man ein Land nur durch seine Leute kennen lernt. Ich habe einige meiner unglaublichsten Erfahren gemacht und Vietnam, Laos, Burma, Thailand, Kambodscha und auch kurz Indien bereist.
Leider ist eben irgendwann ist das Geld zur Neige gegangen, und nach einem letzten Sonnetanken-Trip in Bali ging es zurück nach Australien.
Nun war mein Abenteuersinn geweckt, und ich wollte, wie in Asien, das richtige Land kennenlernen. Also ab in den Westen ins Landesinnere, wo ich einen fixen Job in einem Hotel/Pub angenommen habe. Dort habe ich mich richtig in die Gemeinschaft integriert. Von Freundschaften mit Einheimischen im Hockey-Club über das Zusammenleben mit den hiesigen Aborigenes bis hin zum einfachen täglichen Mitleben war ich dort richtig im Alltag angekommen.
Nach ungefähr zwei Jahren ist es aber doch mal Zeit geworden, Freunde und Familie zu Hause in Deutschland zu besuchen. Dort habe ich auch endlich wieder eine meiner Engländerinnen wiedergetroffen. Es war Debby, mit der ich durch Asien gereist bin, und die bis heute eine meiner engsten Freundinnen ist. Wir haben festgestellt, dass wir uns in Australien und Asien besser auskennen als in Europa. Gesagt, getan – die Rucksäcke wurden gepackt, und es ging auf eine Tour durch Deutschland und einige Hauptstädte Europas.
Dann bin ich wieder an den Punkt gekommen, wenn die Füße zu jucken beginnen und die Ferne ruft.
Es ging nach Südafrika… Land, Leute, Kultur – so viel zu entdecken! Zwischenzeitlich habe ich in der Sprachschule ein wenig an meinem Englisch gearbeitet. Ein Jahr habe ich in diesem unglaublichen Land verbracht, dann ging die Zeit zusammen mit meinem Geld zur Neige.
Wie bist du auf die Idee gekommen, auf einem Kreuzfahrtschiff arbeiten zu wollen?
Das Thema Kreuzfahrtschiff hat mich schon immer gereizt, seit meiner Ausbildung zur Hotelfachfrau. Bis dato hatte es sich aber einfach nicht ergeben. Nun, auf Jobsuche, kam es mir plötzlich wieder in den Sinn. Da der Gedanke in Deutschland zu arbeiten nicht reizvoll für mich war, bewarb ich mich für eine Position auf der MS Deutschland. Gesagt, getan – die Zusage kam schnell, und ebenso schnell flog ich nach Singapur, von wo aus ich auf das Schiff aufstieg.
Die MS Deutschland war jahrelang der Drehort für die Fernsehserie “Traumschiff”. Ist die Arbeit dort auch ein “Traumjob” gewesen?
Die Arbeit auf dem Kreuzfahrtschiff ist für mich wirklich ein Traum gewesen. Gleichzeitig muss ich hier in aller Deutlichkeit sagen, dass es nicht wie im Fernsehen, sondern ein echter Knochenjob ist. Keine freien Tage, und das während einer Saison von bis zu sieben Monaten am Stück. Noch dazu lebt man auf engem Raum mit den anderen Crewmitgliedern zusammen. Oft hat man es dort als Neuling alles andere als leicht. Ich hatte aber Glück, bin gut aufgenommen worden und habe mich mit den anderen sehr gut verstanden.
Wir mussten wirklich viel arbeiten und hatten nur wenig Zeit für Landgänge. Die wenige Zeit, die uns geblieben ist, wussten wir aber wirklich zu nutzen. Kein Vergleich zu meinen bisherigen Reise natürlich. Landgänge sind kurz und nur an dem Ort möglich, wo das Schiff angelegt hat. Und dennoch bekommt man auch so zumindest kleine Eindrücke von vielen Ländern. Jordanien mit der Felsenstadt Petra war sehr interessant, das Land jedoch hat mich weniger angesprochen als erwartet. Der Norden Europas dagegen, der auf meiner fiktiven Reisekarte nie existiert hat, ist zu einer Offenbarung für mich geworden. Der Besuch des Nordkaps oder die Insel Spitzbergen mit einem Abstecher ins Packeis, wo ich tatsächlich einen freilebenden Eisbär sehen konnte (!!) sind fantastische Erlebnisse gewesen. Auch die Einsamkeit der russischen Tundra ist etwas Unvergleichliches. Das sind Reiseziele, die ich privat mit viel Ruhe noch einmal besuchen und richtig erleben möchte. Also das Land kennenlernen, die Menschen treffen und natürlich landestypisch essen.
Die Arbeit auf der “Deutschland” war für dich insofern sowieso lebensprägend, als du dort deinen jetzigen Ehemann Stephan kennengelernt hast, der als Barkeeper zur Crew gehört hat. Was nimmst du außerdem aus dieser Zeit als ganz besondere Erinnerungen mit?
Ich denke an die Zeit auf dem Schiff total gerne zurück, nicht nur wegen Stephan. Soviele Erinnerungen stammen aus dieser Zeit. Außerdem habe ich wirklich viel über mich selbst gelernt. Die Arbeit hat mich mit dem Arbeitspensum und Schlafmangel oft an meine Grenzen geführt. Über diese Grenzen hinauszugehen und zu wissen, wieviel man schaffen kann, hat mich wirklich wachsen lassen. Außerdem stellt es Prioritäten klar. Ich sah danach viel klarer, wie ich mir mein zukünftiges Leben vorstellte.
Auf alle Reisen zusammen zurückgeblickt, kann ich schon jetzt sagen, dass ich mich wirklich ausgelebt habe. Ich werde in 10 Jahren sicher nicht mit der Angst aufwachen, etwas verpasst zu haben. 🙂
Was sind deiner Meinung nach die wichtigsten persönlichen Voraussetzungen, um auf einem Kreuzfahrtschiff im Job glücklich sein zu können?
Das ist für mich schwierig zu sagen. Das muss wohl jeder für sich selbst herausfinden. Ich habe schon Menschen an diesem Job scheitern sehen, von denen ich zuerst gedacht hätte, sie wären dafür gemacht. Andere wiederum, von denen ich dachte, sie steigen sofort wieder ab, haben dort ihr perfektes Leben und ihren Traumjob gefunden und sich behauptet.
Das Leben auf dem Schiff prägt den Charakter. Es ist danach schwierig, wieder in ein „normales“ Leben zurückzufinden.
Aber eine Eigenschaft, die man definitiv mitbringen sollte: Leidensfähigkeit.
Du befindest dich gerade mitten im “Abenteuer Familie”. Könntest du dir vorstellen, irgendwann wieder im Ausland, bzw. vielleicht sogar wieder auf einem Schiff zu arbeiten?
Derzeit ist für mich der Gedanke an einen Job auf einem Kreuzfahrtschiff gar nicht vorstellbar. Das liegt aber sicher an meiner jungen Familie. Kreuzfahrtschiff und Familienleben? Das ist für mich nicht vereinbar.
Das Reisen hingegen, oder auch das Leben im Ausland, ist aber für mich weiterhin ein verlockendes Abenteuer. Meine Tochter hat einen englischen Namen bekommen. Den haben wir bewusst so ausgewählt, da wir uns auf neue Abenteuer freuen und unsere Kleine schon von klein an dafür „fit machen“ möchten. Denn wer weiß, wo wir in zwei, drei Jahren sein werden. 🙂
Becci Plessl ist im Allgäu aufgewachsen und hat die Ausbildung zur Hotelfachfrau absolviert, bevor sie sich auf den Weg in die Welt gemacht hat. Mit ihrem Mann Stephan und ihrer Tochter lebt sie nun in Wien und war bis zu ihrer Karenz als Assistant Restaurant Manager in einem Wiener Luxushotel tätig.
Vielen Dank, meine liebe Becci, dass du dir die Zeit für meinen Blog und mich genommen hast! <3