Gleich zu Beginn ein Fun Fact über diesen Beitrag: Er hätte eigentlich ganz anders geheißen: “Selbstüberwindung: Klettersteig trotz Höhenangst”. Ich habe ihn sogar schon zu schreiben begonnen und war sehr stolz auf mein Intro. Daraus ist nun dieser Artikel über Nein sagen geworden. Ihr könnt euch also vielleicht in Ansätzen vorstellen, was passiert ist. 😀

Die Vorgeschichte zu “NEIN sagen: eine Kunstform”

Ich habe Höhenangst. Oder Fallangst, je nachdem wie es meinem Hirn gerade passt. Vom Top Of The Rocks in New York senkrecht hinunterschauen in die Canyons der New Yorker Straßen? Kein (oder nur sehr wenig) Problem. Auf einer Leiter auf der obersten Sprosse stehen und einen Koffer vom Kasten holen? Brrr, grauenhaft.

Meistens stört mich meine Höhen-/Fallangst nicht. Wo sie mir aber immer wieder unterkommt, das ist beim Wandern. Denn es gibt wunderbare Klettersteige, die ich wirklich gerne in Angriff nehmen würde, aber es nicht tue. Aus ebenjenem Grund.

Also habe ich beschlossen, meine Phobie zu kurieren. Und war mittels klassischer Desensibilisierung: Augen zu und durch!

Ich habe meine liebe Freundin Nina (vom Blog Gipfelzeit) zu einem Freundschaftsdienst verpflichtet. Freundschaftsdienst = etwas von Freunden zu verlangen, zu dem diese keine Lust haben. 🙂
Dazu sollte man wissen, dass Nina eine grandiose Bergläuferin und ausgezeichnete Alpinkletterin ist. Sie hat sich auch gleich voller Tatendrang in die Planung gestürzt und uns einen “Anfängerklettersteig” herausgesucht, also einen angeblich ziemlich einfachen: jenen auf die Drachenwand am Mondsee.

Drachenwand Warnschild vor Höhenangst und rutschigem Boden, Nein sagen, Wanderhunger
„Free from dizziness essential“. Tja.

Das Piéce de Resistance: die Drachenwand

Der Drachenwandklettersteig weist einen Schwierigkeitsgrad von maximal C auf. Für jene von euch, denen das gar nichts sagt: Die Skala beginnt bei “A” (sehr einfach), “C” ist der erste Grad, der mit “schwierig” bezeichnet wird. Im Klartext: eine senkrechte Felswand, die man auf Stahlstiften quert und sich dabei an einem Stahlseil festhält. Mein persönlicher Horror und gelegentlich wiederkehrender Alptraum.

Dennoch war ich, zumindest zwischen den Prä-Angstattacken, recht zuversichtlich.

Martinas Gemütszustand: „Stell dich nicht so an“, habe ich mir gesagt, „Wenn andere das gut schaffen, schaffe ich es auch!“

Gesagt, getan: Nina und ich sind an einem herrlich sonnigen Donnerstag im Juni zur Drachenwand aufgebrochen. Als wir angekommen sind, hat sich gerade eine Vierergruppe von Pensionisten (70+!) an den Einstieg gemacht.

Der Einstieg in den Drachenwand lettersteig über Leitern, Wanderhunger, Nein sagen
Der Einstieg in den Klettersteig über zwei Leitern

Martinas Gemütszustand: schwankend zwischen „OMG, sind die Leitern steil“ und „Pffffh, Pensionisten. Was soll ICH da nicht schaffen!“

Die Altherrengruppe war übrigens wirklich reizend. Von der Leiter haben sie uns herabgerufen, dass das ihr erster Klettersteig sei. Sie waren sehr stolz, dass sie das in dem Alter in Angriff nehmen. Hut ab übrigens an dieser Stelle! So möchte ich in dem Alter auch drauf sein, sowohl körperlich als auch psychisch!

Da die Vier nicht gerade die Schnellsten waren, haben wir die Zeit genützt, um uns ins Klettersteigset zu schnallen.

Martinas Gemütszustand: Klettersteigset sitzt, und vor mir sind Pensionisten am Weg. Ich schaffe das. Muss ich das wirklich machen? Warum komme ich auf eine so dumme Idee? Ich will nicht! Aber ich gehe trotzdem!

Es geht los.

Nina steigt zur ersten Leiter hinauf, klettert am Felsen senkrecht und leichtfüßig und gibt mir Tipps, wie ich das gut meistere. 10 Sekunden später ist sie oben. Hat sie sich überhaupt eingehängt? Vermutlich schon. Die Pensionisten sind nicht mehr zu sehen, sie haben die Felsenpassage über den Leitern schon hinter sich gebracht. Mir wird schlecht. Ich klettere zur Leiter und halte mich an den Sprossen fest.

Martinas Gemütszustand: „Alles oder nichts. Wenn du da raufkletterst, kannst du nicht zurück. Es gibt keinen Zwischenausstieg, und es kommen zuviele Menschen nach, um wieder umdrehen zu können. Do it or leave it.“

Nina hängt schon auf der zweiten Leiter und springt hinauf. Oben dreht sie sich um und ermuntert mich. Sie erklärt mir rufend nochmal, wie ich die Karabiner umhänge.

“Ich überlege nicht wegen den Karabinern”, rufe ich zurück. “Ich überlege, ob das wirklich eine gute Idee ist!”

Nein. Einfach Nein sagen!

Die Entscheidung fällt. Ich lasse die Leiter los. Mein Stolz kriegt bei dem Satz viel weniger ab als befürchtet. Eigentlich kriegt er gar nichts ab. Das erstaunt mich. Ich klettere hinunter und löse die Karabiner vom Seil. Die nächste Gruppe wartet schon darauf, einzusteigen. Ich erkläre ihnen, dass ich gekniffen habe, weil Höhenangst. Und weil erster Klettersteig. Und weil dumme Idee. Mein Stolz meldet sich immer noch nicht. Und keiner schiebt einen dummen Kommentar. Außer “Wenn du Anfängerin bist, solltest du vielleicht einen anderen Klettersteig probieren” kümmert es eigentlich keinen, dass ich mich zu sehr fürchte, um zu gehen.

Ich ziehe mein Klettersteigset aus, während Nina wieder herunterkommt zu mir. Ich habe ein schlechtes Gewissen ihr gegenüber und biete ihr an, dass ich den Wanderweg nehme und sie den Klettersteig, damit wir uns oben wieder treffen. Aber sie lehnt ab und freut sich darauf, mit mir die Wanderung zu unternehmen. “Ich finde es toll, dass du am richtigen Punkt Nein gesagt hast”, meint sie. “Auch das ist eine Kunst.”

Vor dem Einstieg in den Drachenwand-Klettersteig über Leitern, erleichtertes Lachen, Nein sagen, Wanderhunger
Eine gute Entscheidung. Ich freue mich auf eine schöne Wanderung (die übrigens auch nicht gerade ein Sonntagsspaziergang war).

Und ich realisiere: Früher hätte mich mein Stolz vermutlich umgebracht, dass ich gekniffen habe. Aber ich bin alt genug geworden, um mich nicht vor mir selbst rechtfertigen zu müssen. Diese Aufgabe war in diesem Moment nicht die richtige für mich. Es hatte weniger etwas mit Feigheit oder mit Faulheit zu tun, als mit realistischer Selbsteinschätzung. Körperlich hätte ich den Steig gemeistert. Aber was habe ich davon, wenn ich in einer Wand hänge und vor Angst erstarre? Wem hilft das? Mir sicherlich nicht.

Die Hängebrücke und die C-Stelle des Drachenwand-Klettersteigs vom Wanderweg aus gesehen, Nein sagen, Wanderhunger
Die Schlüsselstelle vom Wanderweg aus gesehen. Da wusste ich endgültig: Es war eine gute Entscheidung.

Nein sagen ist total in Ordnung!

Ich bin fest davon überzeugt, dass es gut ist, sich Ziele zu stecken, (vor allem) auch solche, die uns aus unserer Komfortzone herausholen. Wie sonst sollen wir uns weiterentwickeln!

Aber gleichzeitig liegt es auch an uns selbst, dass wir einsehen, wann es zuviel ist. Das mag vielleicht nur an der Tagesverfassung liegen, dann kann man am nächsten Tag nochmal darüber nachdenken. Oder es geht einfach nicht – wie in meinem Fall. Ja, ich hätte mich durchquälen können, und ich wäre danach wahnsinnig stolz auf mich gewesen. Aber ist dieses Gefühl ausreichend um davor zwei bis drei Stunden pure Angst durchzustehen? Für mich nicht.

Nein sagen: eine Kunstform; Komfortzone, Angstzone und ihre Überschneidung; Wanderhunger

Ein Plädoyer dafür, auf das eigene Gefühl zu hören

Es ist dabei völlig nebensächlich, um welches Thema es geht. Geht es darum, einmal einen echten Backpackertrip ohne Planung zu wagen, wenn man bisher nur in Cluburlauben war? Ist es das Aufgeben des sicheren Jobs für einen neuen Job, der toll klingt, sich aber als Fail herausstellen könnte?

Es wird immer Menschen geben, die das Vorhaben, das man selbst nicht schafft, als leicht ansehen und nicht verstehen können, warum man daran scheitet. Aber gleichzeitig hat jeder von uns auch Themen, die für uns völlig einfach und selbstverständlich sind – und für andere Menschen ein unüberwindbares Hindernis.

 

Deshalb: Öfter mal Nein sagen, und zwar ohne verletzten Stolz und das Gefühl, versagt zu haben! Es ist unsere Komfort- und Angstzone, und damit sind es unsere Grenzen und unsere Entscheidung, wie wir damit umgehen!

Wanderhunger, Zwei Frauen auf dem Gipfel der Drachenwand vor dem Gipfelkreuz, Nein sagen
Der leichtere Weg führt oft genauso schön ans Ziel.

 

Übrigens: Irgendwann kommt die Zeit für meinen Klettersteig! Vielleicht mit 70 dann, wie die nette Pensionistengruppe vor mir! 🙂

 

 

 

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